Blick in den Spiegel

Dezember 26, 2018 Uncategorized

Das Projekt „Me, Myself and Emma“ begleitet mich nun schon einige Monate, auch wenn es in letzter Zeit hier etwas ruhiger um Emma geworden ist. Zum Ende des Jahres ist es Zeit für mich, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen und Einblick in meine Gedanken zu geben.

In letzter Zeit habe ich häufiger gehört, dass es mutig von mir sei, mich so offen zu zeigen und auch Kritik und Ablehnung in Kauf zu nehmen. Das beschäftigt mich sehr, denn ich sehe es nicht als mutig an, dieses Projekt zu machen.

Viel mehr ist es so, dass ich mittlerweile 40 Jahre alt bin und ich keinen Grund sehe, mich für irgendetwas zu rechtfertigen. Emma ist nicht dafür da, um anderen zu gefallen. Und es geht bei diesem Projekt nicht nur um Trans- und Intersexualität, auch wenn dies vordergründig so scheint. Es geht vielmehr um das Recht jedes Einzelnen, man selbst zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle bereits Dinge nicht gemacht haben, eben weil man „so etwas“ nicht tut oder weil es sich angeblich nicht gehört. Wir haben unser eigenes Leben oftmals nicht gelebt – manchmal aus Angst vor Reaktionen anderer, manchmal auch aus Angst davor, dass es uns gefallen könnte. Wir nehmen uns zurück, weil wir Angst vor dem haben, was in uns steckt.
Ich glaube, das ist der größte Fehler, den wir Menschen immer wieder machen. Wir versuchen, uns möglichst ohne Risiko durch das Leben zu bewegen, uns anzupassen und nehmen dabei in Kauf, dass wir selbst nicht unser volles Potenzial leben. Dabei wäre die Welt so viel schöner, wenn wir alle einfach das tun würden, was wir wirklich wollen. Wenn wir keine Repressionen erfahren müssten für das, was in uns ist und was wir für richtig erachten. Immer vorausgesetzt, dass wir damit natürlich niemandem Schaden zufügen.

Emmas Selbstversuch ist nur ein kleiner Tropfen in den Ozeanen dieser ver-rückten Welt. Eine Welt, in der Menschen dafür abschätzig behandelt, gedemütigt oder ausgegrenzt werden, wie sie nunmal sind oder sein wollen. Wir leben in einer Welt, in der die Lebenserwartung radikal damit zusammenhängt, welche Hautfarbe man hat, welche sexuelle Orientierung gelebt wird, wo man geboren wird oder welches Einkommen man hat. Vielleicht haben diejenigen, die mir Mut attestieren insofern Recht – vielleicht gehört wirklich Mut dazu, aus dieser uniformierten Gesellschaft auszubrechen. Für mich fühlt es sich allerdings anders an. Nach Leben, Authentizität, Selbstbestimmung und Aufbruch. Und ich würde mir sehr wünschen, dass viele andere Menschen sich ebenfalls auf den Weg machen, sich selbst zu erkunden. Das muss nicht immer ganz so öffentlich erfolgen wie bei Emma, Hauptsache wir bleiben nicht dort stehen, wo wir uns gerade befinden. Das Leben besteht aus Veränderung, und manche Dinge sind eben nicht angeboren, sondern angelernt. Es bedarf einfach nur ein wenig Anstrengung, diese Dinge auch wieder zu vergessen und das Leben als große Spielwiese zu begreifen. Dabei ist es unerheblich, ob anderen Menschen gefällt, was Du tust. Wichtig ist vor allem das Recht jedes Einzelnen auf ein authentisches, freudvolles Leben. Wir können uns jeden Tag wieder neu entscheiden, welche Aspekte gerade gelebt werden möchten – das ist das Geschenk, das wir als Menschen bekommen. Manchen Menschen halten wir damit vielleicht einen Spiegel vor die Augen, andere verschließen die Augen. Trotzdem: Authentizität wirkt ansteckend, und ich würde mir wünschen, dass wir uns alle gegenseitig mit Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Mut, Begeisterung und Lebensfreude anstecken würden. Denn dann ist auch kein Raum für Ausgrenzung, Geringschätzung und Missgunst mehr da.

Und weil mit Weihnachten eines der wichtigen christlichen Feste vor der Tür steht, ein kleines Zitat aus der Bibel zum authentischen Leben:

Jakobus 1:22-24. Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer alleine, sonst betrügt ihr euch selbst. Denn wenn jemand ein Hörer des Worts ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein Gesicht im Spiegel anschaut; und nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergißt von Stund an, wie er aussah.

Jakobus 1:25. Wer aber durch den Spiegel in das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschaut und sich immer wieder damit gründlich beschäftigt, ist nicht ein vergeßlicher Hörer, sondern ein Täter. Er wird in allem, was er tut, glücklich sein, denn Gott segnet ihn.

Eine Bitte: Steinigt mich nicht, wenn das Zitat ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen ist. Das ist meine Interpretation, und bibelfeste Leser mögen nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wie ich aber gelernt habe geht es in der Bibel vor allem um Deutungsmuster – und ich deute diese Passage so, dass derjenige glücklich wird, der sich aktiv darum kümmert, er selbst zu sein anstatt darauf zu hören, was andere für richtig erachten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.